Gibt es eine Wahrheit?

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Ich glaube je länger je weniger, dass es EINE Wahrheit gibt, sondern vielmehr, dass es zu jeder Begebenheit viele Wahrheiten gibt. Ist die Wahrheit nicht lediglich der Blickwinkel, mit dem man auf eine Tatsache schaut und hat mit der objektiven Realität meist wenig zu tun?

Im Grunde genommen ist mir das schon lange klar und ich lebe auch bewusst mit dieser Einsicht. Und dennoch – es gibt immer wieder Situationen, die mich eines Besseren belehren. Situationen, die mir aufzeigen, wie einengend und unwahr mein Denken immer noch ist, gefangen in Regeln und Glaubensmuster.

So wurde ich kürzlich mit dem Thema „Menschlichkeit“ konfrontiert. Unter anderem kam eine Aussage, dass es nicht menschlich sei, von jemand anderem Pünktlichkeit zu erwarten. Wow – da regte sich in mir Widerstand, denn Zuverlässigkeit – und dazu gehört für mich auch Pünktlichkeit – ist mir zugegebenermassen wichtig. Und warum soll jetzt diese Erwartungshaltung „unmenschlich“ sein? Das war erst mal harter Tobak.

In der Zwischenzeit kann ich diese Aussage ebenfalls als wahr empfinden. Denn durch meine Erwartungshaltung zwinge ich anderen Menschen meine Regeln auf. Brechen sie diese Regeln, verurteile ich sie. Vielleicht unterstelle ich ihnen Respektlosigkeit oder eine schlechte Kinderstube, setzte so mich selbst und den anderen unter Druck und bin ihm nicht wohlgesinnt. Dass dieser Mensch möglicherweise nach ganz andere Regeln lebt und für ihn Pünktlichkeit deshalb einfach keinen Stellenwert hat, kann ich mit einer so festgefahrenen Denkweise nicht akzeptieren. Und das ist tatsächlich nicht sehr menschlich und liebenswürdig.

William Shakespeare, aus: Hamlet

„Denn an sich ist nichts weder gut noch böse; das Denken macht es erst dazu.“

In manchen Teilen der Welt ist es beispielsweise höflich, nach dem Essen zu rülpsen. Bei uns sagen Regeln, die irgendwann mal irgendwer aufgestellt hat, genau das Gegenteil. Wer hat denn nun Recht? Welche Wahrheit ist wahrer?

Sicherlich braucht es in einer Gemeinschaft, in einer Gesellschaft, Regeln, damit das Miteinander funktioniert. Doch habt ihr euch schon einmal gefragt, warum wir in unserer Unzahl an Regeln und Vorgaben beinahe ersticken? Warum uns der Druck, den wir uns damit aufladen, oftmals sogar krank macht? Vielleicht weil es uns immer mehr an Güte und Menschlichkeit fehlt – die haben bei diesem Regelwerk gar keinen Platz mehr. Weil wir dem, was andere uns als Wahrheit eingetrichtert haben ungefragt glauben und verlernt haben, der Stimme unseres Herzens zuzuhören. Muss denn das, was ich als wahr und richtig empfinde für den anderen genau so gelten? Ist eine solche Haltung nicht sehr dreist und arrogant? Warum fällt es mir so schwer, dem anderen sein Sein zuzugestehen und ihn vielleicht gerade deshalb zu mögen?

Jean-Paul Sartre:

„Alle Meinungen sind achtenswert, wenn sie aufrichtig sind.“

Ich ertappe mich immer wieder mal dabei, dass ich meinem Sohn zu erklären versuche, dass ich mir bestimmte Dinge niemals erlaubt hätte und stets darauf geachtet hätte, dass… Und er sagt dann: „Das waren damals aber auch andere Zeiten.“ Stimmt. Und es waren nicht nur andere Zeiten, sondern er ist auch ein anderer Mensch als ich. Warum also sollte meine Wahrheit auch für ihn die richtige sein?

Diese Zeilen sollen keine Aufforderung sein, alle Regeln über den Haufen zu schmeissen oder gar zu verpönen. Denn wer sagt denn, dass sie alle schlecht sind? 😉 Es ist lediglich ein Anstoss, andere Sichtweisen zuzulassen und mehr Menschlichkeit zu zeigen, grossherziger und liebevoller zu werden und die Regeln, die dich klein halten, zu hinterfragen und bestenfalls loszulassen. Für mehr Freiheit, Liebe und Güte!

Denn wie Albert Einstein schon sagte:

„Eine neue Art von Denken ist notwendig, wenn die Menschheit weiterleben will.“

 

In diesem Sinne Grüsse ich dich herzlich und wünsche dir wunderbare Einsichten.

Petra Kuhn 6

 

 

 

 

 

Petra

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4 Kommentare
  • Bea Kuhn
    Antworten

    Liebe Petra, wir sind wohlerzogen mit vielen do’s and don’ts dank den Regeln von Knigge. Darf mir nun jemand Gesundheit wünschen wenn ich niese und darf ich dies erwidern mit einem „Danke gleichfalls“ oder einem schlichten „Danke“? Darf ich im Restaurant das Besteck nach meiner eigenen Reihenfolge benutzen und darf ich während dem Essen die Ellbogen auf dem Tisch abstützen? Teilweise unterliegen wir abstrusen Regeln, die uns irgendjemand aufbrummt. In den USA schneide ich mein Essen erst und lege eine Hand auf den Schoss, mit der anderen darf ich das Essen zu mir führen. Jedenfalls gilt, andere Länder andere Sitten. Liebe Petra gewöhn dich daran, in den südlichen Ländern nimmt man es mit der Zeit bzw. der Pünktlichkeit beispielsweise nicht so genau 😉

    Hab dich ganz doll lieb, big hug & kisses, deine Bea

  • Petra Kuhn
    Antworten

    Meine liebe Bea! Schön, dass du es genau so siehst! 🙂

    Und vielleicht zieht es mich ja auch deshalb nach Spanien, um andere Sichtweisen und Sitten immer noch besser zu akzeptieren und anzuerkennen – und vielleicht sogar zu leben, um mich immer mehr von unnötigem „Regel-Ballast“ zu befreien.

    Freue mich auf bald und hab dich auch ganz doll lieb!

    Love, Petra

  • fredy
    Antworten

    Gut gebrüllt Löwe 🙂

    Gesellschaftsmoral, religiöse Glaubenskonzepte und politische Ideologien sollten hinterfragt,

    abgeschafft oder auf den Platz verwiesen werden der ihnen gebührt.

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